Künstliche Intelligenz als Content-Autor

Wir beobachten zunehmend, dass Kunden an uns mit der Frage herantreten, inwiefern Software-Lösungen, die Künstliche Intelligenz (KI) nutzen, sie im Marketing unterstützen können. Ein oft angesprochener Punkt ist das Erstellen von Content – gute Texter sind selten, gerade im B2B-Bereich. Die Erwartungshaltung ist hoch, vielleicht auch, weil KI als omnipotente Lösung in vielen Bereichen aktuell in aller Munde ist. Sieht man sich die Versprechen, aber auch Rezensionen zu a an, bekommt man den Eindruck, dass man mittlerweile nicht mehr unterscheiden kann, ob ein Text von einem Menschen oder einer KI geschrieben wurde. Grund genug, diesen Lösungen genauer auf den Zahn zu fühlen, auch, um zukünftig unsere Kunden besser beraten zu können. Ich habe für Dich daher Jasper und Frase getestet. 

1. Jasper

Jasper, ehemals Jarvis, ist eine der grössten und bekanntesten Content AI Lösungen. Der ursprüngliche Name ging auf die AI im Helm von Iron Man zurück, aber es gab wohl Komplikationen mit Marvel. Jasper behauptet, 10 Prozent des Internets gelesen zu haben. Das war 2019. Auf dieser Basis schreibt Jasper seine Texte. Er – es – kennt kein Corona und keine Lockdowns. Für Jasper ist immer 2019.   

Ich habe Jasper zum Thema «Potenzial von Online-Communities» schreiben lassen, ein Artikel, den ich als nächsten in unserem Content Calendar geplant hatte. 

1.1 Deutsches Input, deutsches Output

Zuerst habe ich Jasper auf deutsch gefüttert und ihn einen deutschen Text schreiben lassen. Da seine komplette Datenbank aus englischen Texten besteht, ist dies die schwierigste Übung für ihn: er muss meine Anfragen – verlangt werden Überschrift, Zusammenfassung, gern auch Keywords, je mehr Input und je genauer, desto besser – in seine Sprache (Englisch) übersetzen. Dann dazu aus seiner Datenbank englische Texte generieren und diese auf Deutsch übersetzen. Soweit ich weiss, nutzt Jasper dafür Deepl, meiner Meinung nach ein hervorragendes Tool. Trotzdem wirkt das deutsche Ergebnis wenig überzeugend:

  • Unvollständige Sätze
  • Unbegründete Behauptungen, die Quellen dafür fehlen
  • Nichtssagende Textblasen, wenig konkret

Zwischenfazit: keine Arbeitserleichterung. Diesen Text müsste ich komplett neu schreiben und neu gliedern. Wertvoll wird das Tool da, wo es nicht einfach bestehenden Content durch Füllwörter und Wiederholungen aufbläht, sondern um Fakten aus dem Netz ergänzt. Diese Fakten werden aber nicht durch Quellen hinterlegt und sind nie neuer als 2019. Meine Spekulation: Jarvis hat nur das englischsprachige Internet gecrawlt. Themen, die in der DACH Region mit ca. 100 Mio Einwohnern auf Deutsch relevant sind, werden nicht berücksichtigt.  

1.2 Englisches Input, deutsches Output

Der Output verbessert sich, wenn ich Jasper mit englischen Texten füttere. Seine Achillesferse bleibt aber die Übersetzung des englischen Ergebnisses ins Deutsche. Diese klingt holprig und ist teils fehlerhaft. Ausserdem wirken die Texte nichtssagend und aufgeblasen. Es bleibt bei unwahren Behauptungen, Beispiel: «Von dem Moment an, in dem wir aufwachen, bis zu der Zeit, in der wir zu Bett gehen, gibt es unzählige Online-Communities, mit denen wir täglich interagieren.» Das glaube ich nicht. Und es passt auch nicht zur Definition, die Jasper später für Communities liefert.

Es gibt auch etwas dümmliche Formulierungen, die vermutlich im Englischen besser klingen, Beispiel: «Das Potenzial von Online-Communities ist enorm, und Unternehmen, die sie ignorieren, tun dies auf eigene Gefahr.» Das nennt sich unternehmerisches Risiko und gilt bei jeder Entscheidung, die ein Unternehmen trifft.

1.3 Englisches Input, englisches Output

Jetzt habe ich Jasper mit englischem Input gefüttert und Englisch schreiben lassen. Das Ergebnis weiß zu gefallen: Die englischen Texte, die Jasper produziert, klingen für deutsche Leser gut und «rund». Ob sie für englische Leser / Native Speaker auch gut klingen, weiß ich nicht.

1.4 Inhalte mischen

Schließlich habe ich versucht, beide Ergebnisse – Jaspers Texte und meine – zu mischen. Unsere Schreibstile sind aber sehr verschieden und ich muss zu viel umformulieren, um einen homogenen Text zu erstellen, so dass es keine Zeitersparnis gibt. Ausserdem fehlen mir bei Jasper die Quellen. Einzige Ausnahme ist das Oxford Dictionary für eine englische Definition, aber die kann ich in einem deutschen Text nicht verwenden.

Jede andere Sprache als English ist bei Jasper nur als Beta angelegt. Sein Kenntnisstand endet 2019, damit ist es für neue Trends unbrauchbar. Jasper kann gut funktionieren, um für ein deutsches Unternehmen englische Texte zu erstellen. Ansonsten habe ich mir notiert, in einem Jahr das Tool erneut auszuprobieren und zu sehen, ob es gereift ist.

2. Frase.io​

Frase.io ist etwas jünger als Jasper und nicht ganz so bekannt, wirbt aber mit seiner Vielsprachigkeit und wird in diversen Foren für andere Sprachen wie Deutsch empfohlen. Diese Content AI nutzt nicht den weit verbreiteten GPT-3 Standard und ist als Nr. 1 bei Capterra gelistet.

Frase ist stark SEO-orientiert. Der User gibt, wie bei Jasper, eine Tagline und Beschreibung bzw. Hintergrund-Content ein. Anhand dieser sucht Frase die 20 Top-Seiten bei Google zu dem Thema, schlägt Key Words vor und mischt deren Content zu «neuen» Texten.

Wer nach einer deutschfreundlichen Alternative zu Jasper sucht, stößt schnell auf die Video-Tutorials eines deutschen Tech-Bloggers, der Frase.io als besonders für deutschen Content geeignet empfiehlt. Nachdem ich ein Frase-Probeabo abgeschlossen hatte, habe ich erfahren, dass dieser Blogger ein Affiliate ist. 

2.1 Englisches Input, deutsches Output, ohne Vorlagen​

Ich habe folgende Suchanfrage an Frase gestellt: «Comparison of online community lifetime cycle with customer lifetime value. Focus on interaction value and ecommerce perspective.”

Als Ausgabesprache habe ich Deutsch gewählt, als Land, aus dem die Suchergebnisse gezogen werden, die Schweiz. Der Content wurde «from Scratch», ohne Vorlage und weitere Vorgaben, erstellt. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach schwierig zu verwenden:

  • Zu wenig Input; Frase nutzt die Top Google Ergebnisse als Quellen, aus denen es Content zusammenschreibt und Key Words generiert; von 20 möglichen Top-Quellen wurden nur 7 gefunden, darunter total fails wie LinkedIn-Profile, die «Customer» enthielten, Linguee.de-Seiten zu den Begriffen
  • Der Rest (13 von 20): «failure to process”

Zum Thema «failure to process» habe ich eine Anfrage beim Support von Frase gestellt­. Die Antwort: es gibt ein paar Gründe, warum Frase manche Ergebnisse nicht verarbeiten kann. Dazu gehören   

  • Webpage Timeout: Frase wartet bis zu 10 Sekunden per Page. Seiten, die länger laden, werden nicht berücksichtigt.
  • Crawler geblockt: Einige Websites können Security Plugins oder Captcha-type Lösungen verwenden, die Crawler blocken. Diese kann Frase nicht immer erfolgreich umgehen.
  • Content extraction failure: Bei korrumpiertem oder minderwertigem HTML Markup kann Frase Probleme bekommen, Inhalte zu extrahieren.

Bei einem überschaubaren Markt wie der deutschsprachigen Schweiz fallen dadurch zu viele Ergebnisse durchs Raster.

2.2 Mit Vorlage “Blog Intro”

Diesmal habe ich die Anfrage bewusst einfach gehalten, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu generieren: «Online Community Software», Limit maximal 170 Wörter Output. Dabei habe ich mit dem Frase-eigenen Kreativitätsregler gespielt, der es ermöglicht, das Ergebnis in fünf Kreativitätsstufen auszugeben, die sich langsam steigern. Ausserdem habe ich eine Formatvorlage («Blog Intro») genutzt. 

Ergebnis mit der geringsten Stufe, «Creativity 1»:

«Das kann alles sein, von einem neuen Hobby über ein Interesse bis hin zu etwas, woran Sie in den letzten Monaten gearbeitet haben. Wenn es etwas ist, das Ihre Freunde interessiert, werden sie wahrscheinlich auch Spaß daran haben, etwas darüber zu lernen!online community softwareTag-Archiv: soziale Netzwerke»

Ergebnis mit Stufe «Creativity 2»:

«Das Folgende ist ein Beitrag von meinem Freund Tom, der ein großartiger Autor und ein großartiger Mensch ist. Tom war immer ein toller Freund für mich und konnte immer das große Ganze sehen. Er hat ein unheimliches Talent, alles zu tun, vom Schreiben von Büchern über die Führung eines Unternehmens bis hin zu einem guten Vater und Ehemann. Ich bin so glücklich, dass er zugestimmt hat, heute mit uns zu teilen. Genießen!»

Aufgrund dieser Ergebnisse (Stufe 3 bis 5 habe ich ausgelassen) habe ich im Frase Manual nachgesehen. Zitat:

«Der AI Writer von Frase sollte eher als Schreibassistent denn als völlig autonomer Autor von veröffentlichungsreifen Inhalten betrachtet werden. Warum? Weil, wie bei allen KI-Schreibassistenten auf dem Markt, diese Technologie brandneu, außerordentlich komplex und nicht zu 100 % verstanden ist. Infolgedessen werden Sie gelegentlich sehen, dass KI-Schreibassistenten (einschließlich des von Frase) wiederholte, unsinnige, sachlich falsche und – wenn auch selten – plagiierte Inhalte erstellen.»

Diese Info kommt spät, aber immerhin kommt sie: an der transparenten Kommunikation kann sich Jasper ein Beispiel nehmen. Dies sind die Schritte, die der Frase Support bei jedem mit Frase erstellten Text empfiehlt:

  • Der Text soll der unternehmenseigenen Sprache angepasst werden.
  • Die eigene, «einzigartige» Perspektive zu dem Thema, über das Frase geschrieben hat, soll hinzugefügt werden.
  • Man soll Zitate, Links, Referenzen hinzufügen.
  • Man soll alle Statistiken, Namen und Daten, die Frase – oder jeder AI Writer – in seinem Text aufführt, auf Richtigkeit überprüfen.
  • Man soll die Themen, über die die AI zu schreiben begonnen hat, weiter ausschmücken.
  • Um Plagiate durch die AI zu vermeiden, soll man die Texte mit einem Plagiatscheck wie Grammarly`s prüfen.

Ehrlich gesagt schreibe ich den Text dann doch lieber selbst. Da bin ich schneller, sicherer und besser. 

2.3 Frase für Keyword Research

Kann man dann Frase zumindest als Keyword-Lieferant nutzen? Nur, wenn es deutschsprachige Ergebnisse oder in meinem Fall deutschsprachige Schweizer Ergebnisse crawlt. Und die kann es meistens nicht auswerten («failure to process»). Eine Rückübersetzung von englischen Keywords nach Deutsch macht keinen Sinn. Der meiner Meinung nach einzige verlässliche Keyword-Checker für den deutschschweizerischen Markt ist Google Trends, und der ist kostenlos.

Also…

Aktuell sehe ich nicht, dass Jasper oder Frase menschliche Autoren ersetzen. Speziell für andere Sprachen als Englisch sind die Ergebnisse nicht zu gebrauchen, weil sie zu stark überarbeitet werden müssen. Neue Themen oder Schlagworte haben beide AIs auch nicht geliefert; die Kreativität, aber auch die Konzeptarbeit bleiben beim User. Jasper und Frase sind vielleicht dafür nützlich, Texte zu recyceln, zu verlängern und aufzublasen. Ich habe aber gesehen, wie schnell KI-gestützte Übersetzungsprogramme wie Deepl an Fahrt aufgenommen haben, daher lohnt es sich, dranzubleiben und in einem Jahr wieder vorbeizuschauen.

Zum Autor

Arne König ist Content Marketing Manager bei yawave, einer User Interaction Suite, mit der Inhalte zentral verwaltet und per Omni-Channel Publishing geteilt werden können. Er arbeitet seit 20 Jahren im Content Marketing und als Autor von Fachbüchern und Romanen.